Freitag, 26. September 2008

"Wahlkampf" oder "Der Brasilianer als Solcher"

Liebe Überlebende,
es schüttet wie aus Eimern, nichts geht mehr hier in Rio. Die Busse kommen nur schwer voran, alle wollen nach hause, alle bleiben zu hause, der Strom fällt aus, auf den Straßen bilden sich Bodenseepfuetzen. Sollte man denken, der Einwohner der Heimat des Regenwaldes habe mit Regen Erfahrung, irrt man sich.
Hier schüttet es nicht nur wie aus Eimern, es ist auch noch Wahlkampf. In Rio gibt es in etwa 65 Parteien, die sich in zwei Lager aufteilen: Die, die ihren Genossen ein Krankenhaus versprechen und die, die ihren Wählern mehr Schulen in Aussicht stellen. (Also konservativ und links). Die Einzigen mit sichtbarer politischer Identität sind die mit Hammer und Sichel im Hintergrund. Das wars auch schon an Inhalt. Hier werden nicht die Parteien gewählt, sondern nur die Abgeordneten. Das bedeutet, dass sich der, der es sich leisten kann, einen Spruch wie „Die Arbeit muss weitergehen“, „Frauen in den Kampf“, „Gesundheit durch Kommunikation“ und „Ich habe gemacht, mache und will weiter machen“, oder einfach nur „Wählt mich!“ ausdenkt, in einen Fotoshop geht und sich ein digitales Foto machen lässt und dann Spruch, Foto, seinen Vornamen und eine fünfstellige Nummer auf sein Wahlplakat klebt. Jeder Abgeordete hat nämlich eine fünfstellige Nummer, die er versuchen muss, dem brasilianischem Volke einzuprägen. Die Reichen machen das, in dem sie sich ein Lied schreiben lassen, so ohrwürmig, wie nur möglich und dann je etwa hundert Autos mit aufmontiertem Lautsprecher durch die Stadt fahren lassen, die den Ohrwurm auf höchster Lautstaerke weitergeben. Die Texte sind da zum Beispiel: „Carlinhos Presidente wird gewinnen!/ Die Fünfundwanzigtausend wollen wir alle waehlen“ Oder auch mit Verzicht auf Inhalt einfach nur „Zwanzig, zwei, zwei, zwei! Zwanzig, zwei, zwei, zwei!“
Weil jeder Brasilianer über das Recht verfügt, sich erstens zur Wahl aufzustellen und zweitens ein Forum für seinen Wahlkampf zu bekommen, wird jeder Fernsehsender dazu genötigt, täglich eine Stunde Wahlkampfwerbung auf höchtsem Niveau zu schalten, in der jeder Kandidat sechs Sekunden hat, seine prinzipielle Haltung zu brasilianischer Außenpolitik sowie dem aktuellen Karottenpreis darzulegen. Das sieht dann so aus: „Wählt mich für Gesundheit, Erziehung und Kultur: Dreißig, eins, zwei, drei“ oder, wenn der Kandidat selber nicht das ausreichende Charisma hat: „Wählt meine Tochter, sie sieht nicht nur gut aus, sie setzt sich auch ein für Gesundheit, Kultur und Erziehung: Vierzig, null, dreiundvierzig“
Ob der druchschnittliche Miguel Coutische Brasilianer das mitbekommt, weiss ich nicht genau, der sitzt nämlich morgens, wenn ich zur Arbeit gehe schon in der Bar und trinkt Bodenseebier. Bitte nicht falsch verstehen, ich war noch nie im Bodensee, das Bier schmeckt hier einfach nur so, wie ich mir Bodenseewasser immer vorgestellt habe, nicht chemisch verseucht, nicht ganz geschmacksfrei, es schmeckt mehr nach Pipi als nach Chlor, farblich in Ordnung, gesundheitlich ungefährlich, läuft. Ich habe immer das dumpfe Gefühl, dass es eigentlich anders konsumiert werden sollte, bin mir aber nicht sicher, wie, vielleicht ungekühlt als Autoputzmittel.
Der Brasilianer liebt aber nicht nur sein Bier und Wahlkampfbedudelung beim Trinken, ihm gefällt es auch, scheint mir, aus jeder freistehenden Garage eine evangelische Kirche zu machen, in der er sich immer Dienstags, Donnerstags und Sonntags natürlich anschreien lässt, sich die Sünde der Welt reinzieht und sich freut, dass alle Menschen, ausser die Mitglieder seiner Kirche, in die Hölle muessen.
Ja und das wars von mir diese Woche, nur noch zwei praktische Ansagen: 1.)Man kann die Uhr danach stellen: Jeden Donnerstag bis Samstag gibt es hier bis auf Widerruf einen neuen Post, demnaechst wieder mit Bildern und weniger Gelaber. 2.)Bitte schreibt doch nur einen kleinen Kommentar, liest das hier überhaupt jemand?
Mit psychopatischen Grüßen aus dem verregneten Brasilien,
der Carl

Freitag, 19. September 2008

Unstudierte Pädagogen neigen nur selten zum Tierschutz

Liebe Fanatiker(innen)
3 Wochen sind in Brasilien zu wenig dafür, dass der heiß ersehnte Alltagstrott sich herablässt, einzutreten. Ich erwarte immer noch im Unterbewusstsein, jeden Morgen von meiner Mami aufgeweckt zu werden, mich an einen Frühstückstisch mit mehr als nur Guaranapaste als Auf- und Weissbrotbrötchen als Unterstrich zu setzen und gepflegte Konversation auf deutsch zu halten (Nein, das ist kein Realitätsverlust, die Familie von Alten hat schon von diversen Margarinefirmen Angebote für Fernsehwerbung erhalten, diese jedoch alle aus Demut ausgeschlagen). Stattdessen wache ich in einem Bett auf, dass ich im Schlaf jede Nacht abziehe und frühstücke Weissbrotbrötchen mit Guaranapaste... und gewöhne mich nicht daran. Ich muss auch meine Wäsche selber waschen. Als ich das hörte, war mein erster Gedanke, das sei wie eine Kuh, die die eigene Milch trinkt. Mittlerweile sehe ich es als Unabhängigkeitskampf, der eventuell irgendwann einen Mann aus mir macht, ich freue mich schon drauf.
Ich werde hier oft in größere moralische Zwickmühlen geworfen. Manchmal ist dabei der Pädagoge in mir gefragt: Ist es beispielsweise in Ordnung, dass mir, wenn ein kleines Mädchen sich den ganzen Tag daneben benimmt, alle Geschwister anspuckt und nur am Flennen ist, mal die Hand ausrutscht, oder soll ich es auf die „stille Treppe“ setzen, wozu mir allerdings das Pädagogikdiplom fehlt? Ich könnte es auch auf den Arm nehmen und sagen, wie lieb ich es habe, aber dann fangen die anderen Kinder an zu heulen, weil sie sich zurecht ungerecht behandelt fühlen. Wie weit kann ich gehen, um mir Autorität zu verschaffen? Das Problem dabei ist, dass hier die Pädagogik von Casa do Menor nicht besonders hilfreich ist, weil diese nur besagt, man solle sich vorstellen, die Kinder waeren Jesus und sie deshalb lieben(etwas verkürzt). Ich habe aber ein Problem damit, mir vorzustellen, Jesus sei so gewesen, weil er auf den vielen Bildern, die ich bereits gesehen habe, so lieb und friedfertig ist, dass er an unseren Frühstückstisch passen würde(also in Deutschland), ich habe ihn noch nie spucken gesehen.
Manchmal ist bei mir aber auch der Tierschützer gefragt. Da kam zum Beispiel am Montag, dem einzigen Tag, an dem ich im Essenslager, dem Almoxarifado, arbeite, genau in dem Moment, als ich abschliessen und zum Essen gehen wollte, einer der Arbeiter, ein grosser muskulöser Mann, mit einem süßen schwarzen Welpen im Arm. Der Welpe sah ähnlich aus wie das Schaf vom Jesus(siehe Bild), nur eben in schwarz. Der Mann gab einige Laute von sich, denen ich nach mehrmaliger Wiederholung entnehmen konnte, dass er dieses Ding bis Feierabend bei mir lagern wollte. Weil ich Hunger hatte, holte ich also schnell eine Pappkiste, der Mann steckte den Hund rein, Kiste zu, Tür zu, Mittagessen. Als ich eine Stunde später zurückkam, hörte ich das Winseln schon von Weitem und dann sah ich, dass sich vor der verschlossenen Tür eine Gruppe, bestehend aus weiblichen Einzelteilen, zusammengefunden hatte. Ich konnte nur an allen vorbei gehen, entschuldigende Gesten machen und „Não é o meu“(Das ist nicht Meiner) stottern. Als ich ins Lager reinkam, sah ich direkt, dass das Viech sich aus der Kiste befreit und mir ins Lager gekackt hatte. Leider hatte es so einen Hundeblick drauf, dass ich ihm nur verzeihen konnte. Um ungestört weiterarbeiten zu können habe ich den Hund zurück in die Kiste befördert und ein Tuch drauf getan, nach etwa einer halben Stunde gab der Hund die Ausbruchversuche auf, nach einer weiteren halben Stunde auch das Winseln. Mitleid hatte ich Keines, ich habe den Welpen wegen dem Tuch ja auch gar nicht gesehen. In meinem Sadismus, den ich hier schuldbewusst bekenne, war das einzige Mal, dass ich das Tuch hochgehoben habe, der Moment, an dem ich das Tier für diesen Blog fotographiert habe. Meine Kamera hat kurz danach den Geist aufgegeben, als ich aus Langeweile Zaubertricks aufgenommen habe. Ihr werdet wohl, um Bilder aus Brasilien zu gehen auf Moritz’ oder Bennis Blog gehen müssen, so leid es mir tut. Bilder vom Hund sind dort aber vermutlich nicht.
Nächste Woche geht es dann also schriftlich weiter, tut bis dahin nichts, was ich nicht auch täte! Viele Grüße aus Brasilien,
Carl

Freitag, 12. September 2008

Über Tiere mit Dreads und Chefs mit Zeit

Liebe Fanatiker(innen),
Bevor ich hier auch nur irgendetwas schreibe, will ich angeregt durch einige zweifelnde Rückmeldungen klarstellen, dass es sich bei dem, was in meinem Blog steht um die Wahrheit und nichts als die Wahrheit handelt, höchstens etwas übertrieben. Ich wundere mich ja selber darüber, dass ich mich hier über so vieles wundere, ich hätte nicht gedacht, dass ich hier so viel Neues erlebe, aber so ist es nun mal.
Bei meinem Tagesablauf haben sich einige Sachen geändert, und bin nur noch Montags im Essenslager, dem Almoxarifado(siehe vorheriger Post). Ich bin nämlich in ein neues Haus gekommen.
Dabei muss man wissen, dass hier die einzelnen Häuser, in denen die Kinder und Jugendlichen wohnen, bedeutungsvolle Namen wie „Haus der Hoffnung“, „Haus des neuen Lebens“, „Haus des Kindes Jesu“ und „Haus Don Bosco“ haben. Bei meinem Haus ist das etwas anders, meins ist, glaube ich, nach dem heiligen Herbalife benannt, weil es „Casa Herbalife“ heisst. Es wohnen Kinder zwischen 0 und 6 drin und ist wirklich genial. Die 10 Kinder die da sind, nennen mich inzwischen „tio“(Onkel), als ich das erste Mal durch die Tür kam, riefen sie nur „bicho“, was übersetzt Tier heisst, und zeigten auf meine Haare. Auf jeden Fall wollen die die ganze Zeit durch die Luft geschleudert werden. Dabei halten die sich nicht etwa an meinen Händen oder Armen fest, sondern an meinen Dreads. Ich hoffe, dadurch wachsen die wenigstens schneller! Zwei Mädchen, die immer besonders viel Körperkontakt suchen, haben Läuse und eins der zwei Babys hat mir das erste mal, als ich es auf dem Arm hatte auf den Ärmel gekotzt, was ich dann doch etwas klischeehaft fand. Ich freue mich total, wieder unter Leuten zu sein, auch wenn die Verantwortlichen in Casa Herbalife immer Witze machen, die ich nicht verstehe und deswegen annehmen muss, dass sie über mich sind. Gestern war der erste Tag hier in Brasilien, an dem ich vollkommen ausgepowert von der Arbeit kam, hat doch was, oder?
Ich habe vorgesorgt für den Fall, dass mir die Kinder auf die Nerven gehen und mir nur zwei Tage Herbalife pro Woche verschreiben lassen, am Wochenende arbeite ich im Centro Cultural, wo für die Jugendlichen der Stadt ein Freizeitprogramm angeboten wird. Dadurch, dass ich in die Arbeit eingewiesen werden sollte, habe ich etwas Neues an Brasilien entdeckt: Ich war mit dem Chef um 10:00 Uhr verabredet. Ich komme vollkommen abgehetzt 5 Minuten zu spät an, da ist er noch nicht da, er kam auch nicht etwa nach einer halben Stunde, obwohl in meinem Portugiesischlernbuch stand, dass Brasilianer prinzipiell eine halbe Stunde zu spät kommen, er kam erst um 5 nach 11 an und weil er dann keine Zeit mehr hatte, dauerte die Einweisung 2 Minuten 27 Sekunden (so ungefähr). Zum Glück wusste ich schon längst über alles Bescheid, weil der Moritz, mein Vorgänger mir sehr geholfen hat.
Moritz ist auch ein gutes Stichwort, er und Benni sind soeben auf dem Weg nach hause. (Hier noch einmal vielen Dank fuer eure Geduld mit mir!) Weil Eunice, die Chefin der Jugendherberge, ab Montag fuer einen Monat Urlaub macht, habe ich im nächsten Monat sturmfrei. Das hat eindeutige Vorteile, weil Eunice wie ein Amok laufender Panzer redet, schnell und rücksichtslos, wenn man nichts versteht. Die Taktik heisst einfach so früh wie möglich auf die Seite zu gehen, in meinem Fall nicken und „Intendi“(Verstanden) sagen. Es hat allerdings auch Nachteile, weil ich ohne Moritz und Benni nur noch Brasilianer um mich rum haben, die ich nicht verstehe.
Ich hab Einigen angekündigt, dass ich dieses Mal über brasilianisches Bier spreche. Um euch aber nicht von der Länge her zu überfordern, verschiebe ich das auf die nächste Woche.
Tut also nichts, was ich nicht auch täte!
Viele Grüsse,
Carl

Donnerstag, 4. September 2008

Sein einziger Verbündeter hiess "Almoxarifado"

Liebe Fanatiker(innen)
Leider gibt es hier in meiner Unterkunft viele Gäste und nur einen Computer mit Internet, deswegen gibt es erst jetzt den nächsten Blog... Hätte ich doch einen Laptop mitgenommen!
Nachdem ich am Ankunftstag von Moritz und Benni rumgeführt wurde und Casa do Menor ein wenig kennen gelernt habe, kam am Freitag, also am zweiten Tag, der Carlos, mein Verantwortlicher nach dem täglichen Morgengebet, dass ich natürlich NICHT verstehe, zu mir und gab mir meine Aufgabe für diese Woche (und evtl. auch für länger): Ich bin ab jetzt fuer den Almoxarifado, das Essenslager, verantwortlich. Da kann ich gar nichts falsch oder kaputt machen, weil ich da naemlich nichts machen kann. Ich habe da einen Computer und eben das Lager von Casa do menor. Ich habe heute das erste mal bei spider solitaire das schwere Level geschafft, ich lese ein dickes Buch, dessen Titel ich nicht öffentlich erwähnen moechte, lerne Portugiesischvokabeln, lerne, mit meinen neuen gezinkten Karten umzugehen... und zocke alles, was auf Windows vorinstalliert ist. Manchmal hilft mir dabei ein Junge, der aus sprachlichen Gründen nur wenig („tudo bem?“ „Tudo, e você?“ „Ta!“) mit mir spricht. Gut, ein bisschen aufräumen gehoert schon dazu und an einem Tag haben alle 10 Häuser, in denen die Kinder wohnen, ihr Essen für die ganze Woche abgeholt, das war sehr viel Arbeit, aber zum Arbeiten bin ich ja auch hergekommen.
Es hat auf jeden Fall Vorteile, im Almoxarifado zu arbeiten, man kann ein irre rutschiges Geländer runterrutschen, man hat immer Süssigkeiten und man muss nicht mit unsymphatischen Leuten reden, weil man mit überhaupt niemandem reden muss. Mir passieren beim arbeiten immer wieder ganz lustige Sachen: Ich habe heute morgen zum Beispiel von den komischen Pfefferminzbonbons probiert, die hier manchmal rumliegen... Die haben nach Kleber geschmeckt---> Schnell unter den Tisch gespuckt, ich schaue mir die Packung an, da war das Mottengift! Naja, das kann ja wohl kaum schaden, dann brauche ich halt erstmal keine Wurmkur mehr.
In manchen Situationen ist es sogar optimal, dass ich alleine bin: Es ist ja so, dass die Brasilianer alles Mögliche essen, aber egal, was, immer viel Reis und schwarze Bohnen dazu. Booooohnen! Das Gerücht kann ich bestätigen, vielleicht gewöhnt sich mein Darm mit der Zeit dran... Also, ich geniesse es noch, es gab aber auch noch keine peinlichen Situationen, weil die Leute immer klopfen müssen, wenn sie was von mir wollen.
So, das war das, in diesem Video könnt ihr alle einen Eindruck von dem Almoxarifado gewinnen, ausser meiner Grossmutter, weil ihr Computer dafuer zu langsam ist...
Ich hoffe aber wirklich, dass dieser Blog auf alle, die ihn bis zum Ende gelesen, keinen falschen Eindruck macht, ich fühle mich hier wohl, ich bin ja hierher gekommen, um zu helfen und wenn ich dadurch helfe, dass ich aufpasse, dass das Essenslager nicht wegläuft, mache ich das gerne. Ich knüpfe auch schnell neue Kontakte und habe durch die Kartentricks auch trotzdem Kontakt mit echten Kindern. Ausserdem hoffe ich, wie ich schon vorher geschrieben habe, dass ich bald wegen Burnouts versetzt werde.
Schreibt mir doch mal ein Wort als Kommentar rein, ob ich weniger, interessanter schreiben soll, ob ich jemandem einen Tanga oder eine Banane mitnehmen soll, etc.
Es grüsst euch alle aus dem heissen Brasilien
der Carl,
tut nichts, was ich nicht auch täte!