Montag, 23. März 2009

Anders sein ist normal

Liebe FanatikerInnen,
Der brasilianische Sommer müsste es ja eigentlich so richtig in sich haben. Mit über 40° hin und wieder habe ich da schon gerechnet. Irgendwoher müssen unsere Klischeebilder von den glühenden Stränden und knappen Badehöschen ja herkommen. Die Realität sieht momentan leider so aus, dass es morgens erstmal ordentlich aufheizt, mittags die ersten Wolken den Himmel trüben und wenn ich dann um 6 Uhr auf den Bus warte, tue ich das in einem Regen, der in Deutschland „Jahrhundertregen“ genannt werden würde. Weil die Straße nach Tinguà teilweise noch nicht ganz geteert ist, bzw. die Straße erneuert wird, wird sie matschig und riesige Schlaglöcher bilden sich, wobei die Fahrweise der Fahrer aber gleich bleibt. Die Folgen sind Schmerzen im Steißbein und das das Gefühl, in extremer Lebensgefahr zu schweben.
Das ist aber sofort vergessen, wenn ich das riesige Gelände in Tinguà betrete und mir meine Jungs aus Casa Jesus Menino (Haus für behinderte Jungs) entgegen kommen, um mich herumspringen wie um ein Lagerfeuer und mich ganz viele Sache auf einmal fragen. Da ist zum Beispiel Giovane, 14 Jahre alt, der immer nur einzelne Wörter über die Lippen bringt. Das Begrüßungsgespräch läuft normalerweise so ab: „Onkel, Onkel, Onkel… Deutschland, Deutschland, du, Deutschland… Benjamin, Benjamin, kennste? Benjamin… Deutschland? Onkel… Karten, die Karten, haste?“
In Casa Jesus Menino lebt auch der Junge, der den meisten Besuchern von Casa do Menor in Tinguà am klarsten in Erinnerung bleibt, nämlich Marcello. Marcello schlägt alles und alle, das hat er sich so angewöhnt. Er schlägt, tritt und zwickt andere Kinder aus Jesus Menino, die Sozialeltern der anderen Häuser, die älteren Jungs aus Casa André, wobei er dabei meistens selbst eine fängt, mit großer Hingabe auch neu ankommende Gäste, Arbeiter und Autos, und natürlich mich. Netterweise kündigt er das auch immer an: „Onkel, ich werde dich jetzt zwicken… Onkel, geh da weg, ich bewerfe dich jetzt mit einem Stein… Onkel ich hau den Leo jetzt…“ Marcello sieht den Reiz am Fernsehen nicht und das ist manchmal etwas anstrengend, weil er immer und überall Aufmerksamkeit braucht und nicht mal dieses sonst so verteufelte Gerät Hilfe bringt. Nach dem Essen mal ausruhen ist da nur selten drin. Obwohl gerade Marcello so anstrengend ist, mache ich doch gerade mit ihm sehr schöne Erfahrungen und verzeihe ihm so sogar, dass er mich, wenn er böse ist, „tio mijão“(Onkel Pisse) nennt
Dann gibt es noch die Brüder Greyson und Leo. Leo, eigentlich Leonardo, wird immer Leo II genannt, weil es noch einen anderen Leo gibt. Leo ist Autist und Lieblingsopfer von Marcello. Ich liebe es sehr, wenn mir Leo beim Spülen zuschaut, das ist nämlich für ihn total aufregend und immer wenn ich einen Teller besonders intensiv spüle, wackelt er mit dem ganzen Körper hin und her, schüttelt die Unterarme und lacht.
Greyson, der Ältere ist in den Messen immer Messdiener und macht den Pater nach. Vor dem Evangelium singt er „Der Herr sei mit euch“, noch vor Padre Renato selber und bringt damit und mit seinen Gesten die ganze Kapelle zum Lachen.
Deren Vorgeschichte ist dafür sehr erschütternd. Die Mutter war mit zwei geistig behinderten Söhnen total überfordert und es sind viele sehr unschöne Dinge vorgefallen, bis die Tante sie schließlich nach Casa do Menor gebracht hat. Die Tante ist auch das einzige Mitglied der Familie, die sie besucht, sie kommt etwa einmal pro Monat vorbei.
Ich lerne im Moment immer mehr Lebensgeschichten, gerade von meinen Jungs, kennen. Je mehr ich höre, desto mehr Ehrfurcht gewinne ich vor ihnen.
Ich wünsche euch alles Liebe und tut nichts, was ich nicht auch täte! Ich melde mich diese Woche nochmal!
Carl
Marcello und Nelson
Leo und Greyson
Leo I, ich, Marcello, Rodrigão, Basti

Freitag, 6. März 2009

Wie der Karneval unter den ursprünglich einmal weißen Säulen von Lapa seinen gewaltsamen Tod fand

Liebe Fastenzeitler,
sehr interessant fände ich das ja auch: Wie ist denn jetzt so der brasilianische Karneval, für den deutsche Rentner drei Monatsrunden zahlen, der so spektakulär sein soll, dass Kölner nicht nur im Fußball meistens zweite Liga spielen?
Der Anfang von Karneval war ja wirklich meinen Erwartungen entsprechend, wir waren in der zweitgrößten Karnevalhochburg Brasiliens, nämlich in Salvador. Dort sind wir(ganz viele deutsche Freiwillige vom fid-Seminar; siehe vorheriger Post) um sechs Uhr abends mit genau dem richtigen Alkoholpegel auf den großen Umzug gegangen, haben getanzt, sind von brasilianischen Schönheiten angeflirtet worden und hatten viel Spaß dabei, den anderen Deutschen bei den doch etwas dilettantisch wirkenden Versuchen, die Sambatänzerinnen nachzumachen, zuzuschauen, auszulachen und ausgelacht zu werden.
Es folgte am nächsten Tag, nach etwa anderthalb Stunden Schlaf, die lange Busreise.
Angekommen zu hause mussten wir erst einmal ausschlafen und sind dann erst am Nachmittag vom Rosenmontag nach Rio reingefahren. Wenn wir heute von unserer Geschichte erzählen, dann sagen uns alle in etwa „Hättest du mich vorher gefragt, hätte ich dir sagen können, dass das nicht so toll war“. Wir haben die Nacht nämlich unter den ursprünglich einmal weißen Säulen von Lapa verbracht. Das war schon mal nicht besonders lustig, der Platz war voll von Touristen und Einheimischen und das, was an Freude und Musik fehlte, wurde durch erhöhten Alkoholkonsum wettgemacht.

Um etwa 2 Uhr nachts starb dann der Karneval der cidade maravilhosa (wunderbare Stadt) plötzlich und unerwartet. Unter den ursprünglich einmal weißen Säulen von Lapa.

Antonia, Basti und ich gingen müde und gelangweilt unter den ursprünglich einmal weißen Säulen von Lapa entlang, als uns ein etwa 14 Jahre altes Straßenkind, deutlich erkennbar an den fehlenden Schuhen und den dreckigen Kleidern, von hinten anrempelte, und weiterlief, als würde es vor etwas fliehen. 10 Meter vor uns wurde es dann von den drei Verfolgern, die deutlich erkennbar an den gezückten Pistolen, traficantes(Drogendealer) waren, gefasst und zu Boden geworfen. Zwei der traficantes hielten ihre Pistolen an den Kopf des Kindes, der Dritte trat ihm in die Seite, alle drei schrien es an. Alle Umstehenden machten sofort einen großen Kreis und versuchten sich vor den eventuellen Schüssen in Sicherheit zu bringen. Der Satz „Oh, mein Gott“ war auf allen möglichen Sprachen zu hören.
Die traficantes schüchterten ihr Opfer noch einen Augenblick ein und führten es dann, vielleicht wegen der zuschauenden Masse, im Polizeigriff ab. Was viele der Touristen ahnten, wussten wir, wir haben es gelernt: Das Kind war etwa fünf Minuten später irgendwo notdürftig verscharrt oder verbrannt.
Mit dem Kind starb auch mein Karneval 2009, dem ich ehrlich die Chance gegeben habe, der beste Karneval meines Lebens zu werden. Warum hat die Realität eigentlich so einen Spaß daran, so ernst zu sein?