Liebe FanatikerInnen,
Der brasilianische Sommer müsste es ja eigentlich so richtig in sich haben. Mit über 40° hin und wieder habe ich da schon gerechnet. Irgendwoher müssen unsere Klischeebilder von den glühenden Stränden und knappen Badehöschen ja herkommen. Die Realität sieht momentan leider so aus, dass es morgens erstmal ordentlich aufheizt, mittags die ersten Wolken den Himmel trüben und wenn ich dann um 6 Uhr auf den Bus warte, tue ich das in einem Regen, der in Deutschland „Jahrhundertregen“ genannt werden würde. Weil die Straße nach Tinguà teilweise noch nicht ganz geteert ist, bzw. die Straße erneuert wird, wird sie matschig und riesige Schlaglöcher bilden sich, wobei die Fahrweise der Fahrer aber gleich bleibt. Die Folgen sind Schmerzen im Steißbein und das das Gefühl, in extremer Lebensgefahr zu schweben.
Das ist aber sofort vergessen, wenn ich das riesige Gelände in Tinguà betrete und mir meine Jungs aus Casa Jesus Menino (Haus für behinderte Jungs) entgegen kommen, um mich herumspringen wie um ein Lagerfeuer und mich ganz viele Sache auf einmal fragen. Da ist zum Beispiel Giovane, 14 Jahre alt, der immer nur einzelne Wörter über die Lippen bringt. Das Begrüßungsgespräch läuft normalerweise so ab: „Onkel, Onkel, Onkel… Deutschland, Deutschland, du, Deutschland… Benjamin, Benjamin, kennste? Benjamin… Deutschland? Onkel… Karten, die Karten, haste?“
In Casa Jesus Menino lebt auch der Junge, der den meisten Besuchern von Casa do Menor in Tinguà am klarsten in Erinnerung bleibt, nämlich Marcello. Marcello schlägt alles und alle, das hat er sich so angewöhnt. Er schlägt, tritt und zwickt andere Kinder aus Jesus Menino, die Sozialeltern der anderen Häuser, die älteren Jungs aus Casa André, wobei er dabei meistens selbst eine fängt, mit großer Hingabe auch neu ankommende Gäste, Arbeiter und Autos, und natürlich mich. Netterweise kündigt er das auch immer an: „Onkel, ich werde dich jetzt zwicken… Onkel, geh da weg, ich bewerfe dich jetzt mit einem Stein… Onkel ich hau den Leo jetzt…“ Marcello sieht den Reiz am Fernsehen nicht und das ist manchmal etwas anstrengend, weil er immer und überall Aufmerksamkeit braucht und nicht mal dieses sonst so verteufelte Gerät Hilfe bringt. Nach dem Essen mal ausruhen ist da nur selten drin. Obwohl gerade Marcello so anstrengend ist, mache ich doch gerade mit ihm sehr schöne Erfahrungen und verzeihe ihm so sogar, dass er mich, wenn er böse ist, „tio mijão“(Onkel Pisse) nennt
Dann gibt es noch die Brüder Greyson und Leo. Leo, eigentlich Leonardo, wird immer Leo II genannt, weil es noch einen anderen Leo gibt. Leo ist Autist und Lieblingsopfer von Marcello. Ich liebe es sehr, wenn mir Leo beim Spülen zuschaut, das ist nämlich für ihn total aufregend und immer wenn ich einen Teller besonders intensiv spüle, wackelt er mit dem ganzen Körper hin und her, schüttelt die Unterarme und lacht.
Greyson, der Ältere ist in den Messen immer Messdiener und macht den Pater nach. Vor dem Evangelium singt er „Der Herr sei mit euch“, noch vor Padre Renato selber und bringt damit und mit seinen Gesten die ganze Kapelle zum Lachen.
Deren Vorgeschichte ist dafür sehr erschütternd. Die Mutter war mit zwei geistig behinderten Söhnen total überfordert und es sind viele sehr unschöne Dinge vorgefallen, bis die Tante sie schließlich nach Casa do Menor gebracht hat. Die Tante ist auch das einzige Mitglied der Familie, die sie besucht, sie kommt etwa einmal pro Monat vorbei.
Ich lerne im Moment immer mehr Lebensgeschichten, gerade von meinen Jungs, kennen. Je mehr ich höre, desto mehr Ehrfurcht gewinne ich vor ihnen.
Ich wünsche euch alles Liebe und tut nichts, was ich nicht auch täte! Ich melde mich diese Woche nochmal!
Carl
Der brasilianische Sommer müsste es ja eigentlich so richtig in sich haben. Mit über 40° hin und wieder habe ich da schon gerechnet. Irgendwoher müssen unsere Klischeebilder von den glühenden Stränden und knappen Badehöschen ja herkommen. Die Realität sieht momentan leider so aus, dass es morgens erstmal ordentlich aufheizt, mittags die ersten Wolken den Himmel trüben und wenn ich dann um 6 Uhr auf den Bus warte, tue ich das in einem Regen, der in Deutschland „Jahrhundertregen“ genannt werden würde. Weil die Straße nach Tinguà teilweise noch nicht ganz geteert ist, bzw. die Straße erneuert wird, wird sie matschig und riesige Schlaglöcher bilden sich, wobei die Fahrweise der Fahrer aber gleich bleibt. Die Folgen sind Schmerzen im Steißbein und das das Gefühl, in extremer Lebensgefahr zu schweben.
Das ist aber sofort vergessen, wenn ich das riesige Gelände in Tinguà betrete und mir meine Jungs aus Casa Jesus Menino (Haus für behinderte Jungs) entgegen kommen, um mich herumspringen wie um ein Lagerfeuer und mich ganz viele Sache auf einmal fragen. Da ist zum Beispiel Giovane, 14 Jahre alt, der immer nur einzelne Wörter über die Lippen bringt. Das Begrüßungsgespräch läuft normalerweise so ab: „Onkel, Onkel, Onkel… Deutschland, Deutschland, du, Deutschland… Benjamin, Benjamin, kennste? Benjamin… Deutschland? Onkel… Karten, die Karten, haste?“
In Casa Jesus Menino lebt auch der Junge, der den meisten Besuchern von Casa do Menor in Tinguà am klarsten in Erinnerung bleibt, nämlich Marcello. Marcello schlägt alles und alle, das hat er sich so angewöhnt. Er schlägt, tritt und zwickt andere Kinder aus Jesus Menino, die Sozialeltern der anderen Häuser, die älteren Jungs aus Casa André, wobei er dabei meistens selbst eine fängt, mit großer Hingabe auch neu ankommende Gäste, Arbeiter und Autos, und natürlich mich. Netterweise kündigt er das auch immer an: „Onkel, ich werde dich jetzt zwicken… Onkel, geh da weg, ich bewerfe dich jetzt mit einem Stein… Onkel ich hau den Leo jetzt…“ Marcello sieht den Reiz am Fernsehen nicht und das ist manchmal etwas anstrengend, weil er immer und überall Aufmerksamkeit braucht und nicht mal dieses sonst so verteufelte Gerät Hilfe bringt. Nach dem Essen mal ausruhen ist da nur selten drin. Obwohl gerade Marcello so anstrengend ist, mache ich doch gerade mit ihm sehr schöne Erfahrungen und verzeihe ihm so sogar, dass er mich, wenn er böse ist, „tio mijão“(Onkel Pisse) nennt
Dann gibt es noch die Brüder Greyson und Leo. Leo, eigentlich Leonardo, wird immer Leo II genannt, weil es noch einen anderen Leo gibt. Leo ist Autist und Lieblingsopfer von Marcello. Ich liebe es sehr, wenn mir Leo beim Spülen zuschaut, das ist nämlich für ihn total aufregend und immer wenn ich einen Teller besonders intensiv spüle, wackelt er mit dem ganzen Körper hin und her, schüttelt die Unterarme und lacht.
Greyson, der Ältere ist in den Messen immer Messdiener und macht den Pater nach. Vor dem Evangelium singt er „Der Herr sei mit euch“, noch vor Padre Renato selber und bringt damit und mit seinen Gesten die ganze Kapelle zum Lachen.
Deren Vorgeschichte ist dafür sehr erschütternd. Die Mutter war mit zwei geistig behinderten Söhnen total überfordert und es sind viele sehr unschöne Dinge vorgefallen, bis die Tante sie schließlich nach Casa do Menor gebracht hat. Die Tante ist auch das einzige Mitglied der Familie, die sie besucht, sie kommt etwa einmal pro Monat vorbei.
Ich lerne im Moment immer mehr Lebensgeschichten, gerade von meinen Jungs, kennen. Je mehr ich höre, desto mehr Ehrfurcht gewinne ich vor ihnen.
Ich wünsche euch alles Liebe und tut nichts, was ich nicht auch täte! Ich melde mich diese Woche nochmal!
Carl
Marcello und Nelson
Leo und Greyson
Leo I, ich, Marcello, Rodrigão, Basti