Leichte Segelohren kommen mir engegen gesprungen, zusammen mit einem Kopf auf dem sich ein diabolisches Grinsen bildet; ein hohes Kreischen, den Rechten über die Schulter gelegt, als ob er sich am Rücken kratzen wollte, den linken Arm quer über das Gesicht gelegt, so dass man das Grinsen nicht mehr sehen kann, wohl aber die aufgerissenen Augen. Dann steht er vor mir, öffnet die Arme wie Cristo Redentor und verlangt eine Umarmung. Marcelo drückt fest zu für seine zehn Jahre, in seinen Armen wird nicht geatmet.
Angeblich sei Marcelo schyzofren, das hat mir eine italienische Freiwillige erzählt, ich kann es nicht beurteilen, was er auf jeden Fall ist, ist anstrengend. Sehr anstrengend. Das versteht man erst, wenn man ein paar Monate mit ihm zusammen lebt, denn die italienischen, deutschen und französischen Touristen die sich hin und wieder mal nach Tinguá verirren, schließen Marcelo sofort ins Herz, weil er nur um sie herumspringt und sich relativ gut benimmt, weil er weiß, dass diese ihm meistens Süßigkeiten oder Drachen mitbringen.
Aber wenn dieser Marcelo den ganzen Tag nur an meiner Seite herumhüpft, spazieren gehen will, obwohl wir gerade erst von einem Spaziergang kommen, die anderen Kinder und mich schlägt und an mir die neu gelernten Schimpfwörter ausprobiert, jeden Tag an dem ich da bin, ist das nicht einfach. Die Sozialeltern helfen auch nicht bei seiner Zähmung, weil sie froh sind, dass der Deutsche mal wieder den schwarzen Peter gezogen hat.
An Marcelo scheitert jede Vernunft, jeder humanistische Erziehungsversuch. Supernannies wären ratlos, doch obwohl ich manchmal kurz davor bin, die Geduld zu verlieren, ist Marcelo mit seinem anarchistischen Verhalten vollkommen in mein Herz eingebrochen und hat sich dort breit gemacht, als wäre ich ein europäischer Tourist.
Und seit einem Abend unter dem Sternenhimmel des Atriums von Casa Jesus Menino, glaube ich, dass sich die Monate zusammen mit Marcelo ausgezahlt haben, dass er mich an mehr an ihm teilnehmen lässt, als die Tages- oder Wochentouristen.
Als ich an einem Abend für eine halbe Stunde alleine mit den Jungs aus Jesus Menino war, weil die Sozialmutter noch etwas erledigen musste, hing Marcelo mal wieder an mir. Die anderen schauten alle friedlich die Abendtelenovela("Indische Wege"). Es war eine sternklare Nacht und als wir in den Innenhof des Hauses traten, wurde Marcelo plötzlich still. Dort oben, so fing er an, sei sein Vater und schaue herunter. Ungefragt sagte er, dass sein Vater ermordet wurde. Er machte mit der Hand eine Pistole und richtete die Waffe auf mich: "Bam, Bam", ganz viel Blut sei aus der Brust herausgekommen und Marcelo habe geweint. "Bam, Bam" und jetzt ist er dort oben. Und wie ich hochschaute, um zu sehen, wo denn Marcelos Vater genau sei, merkte ich plötzlich, dass die Sterne nur Löcher im Himmel waren, durch die das Licht eines großen Festes ahnungsweise durchschien. Wäre mir das auch ohne Marcelo und seinen Vater aufgefallen?
Marcelo I (Es ist schwer, von ihm Fotos zu schiessen, weil er nie still hält)
Marcelo II
Marquinho, das Nesthäkchen aus Jesus MeninoFür bessere Fotos bitte Bastis Blog besuchen!
Im nächsten Eintrag habe ich vor, voraussichtlich auch mit ein paar Fotos, ein bißchen ins Detail zu gehen. Bis dahin hoffe ich, euch noch mit diesem etwas pragmatischen Tagesschaubeitrag hinhalten zu können.