Freitag, 31. Juli 2009

Sterne und Väter

Thiaginho und ich

Leichte Segelohren kommen mir engegen gesprungen, zusammen mit einem Kopf auf dem sich ein diabolisches Grinsen bildet; ein hohes Kreischen, den Rechten über die Schulter gelegt, als ob er sich am Rücken kratzen wollte, den linken Arm quer über das Gesicht gelegt, so dass man das Grinsen nicht mehr sehen kann, wohl aber die aufgerissenen Augen. Dann steht er vor mir, öffnet die Arme wie Cristo Redentor und verlangt eine Umarmung. Marcelo drückt fest zu für seine zehn Jahre, in seinen Armen wird nicht geatmet.
Angeblich sei Marcelo schyzofren, das hat mir eine italienische Freiwillige erzählt, ich kann es nicht beurteilen, was er auf jeden Fall ist, ist anstrengend. Sehr anstrengend. Das versteht man erst, wenn man ein paar Monate mit ihm zusammen lebt, denn die italienischen, deutschen und französischen Touristen die sich hin und wieder mal nach Tinguá verirren, schließen Marcelo sofort ins Herz, weil er nur um sie herumspringt und sich relativ gut benimmt, weil er weiß, dass diese ihm meistens Süßigkeiten oder Drachen mitbringen.
Aber wenn dieser Marcelo den ganzen Tag nur an meiner Seite herumhüpft, spazieren gehen will, obwohl wir gerade erst von einem Spaziergang kommen, die anderen Kinder und mich schlägt und an mir die neu gelernten Schimpfwörter ausprobiert, jeden Tag an dem ich da bin, ist das nicht einfach. Die Sozialeltern helfen auch nicht bei seiner Zähmung, weil sie froh sind, dass der Deutsche mal wieder den schwarzen Peter gezogen hat.
An Marcelo scheitert jede Vernunft, jeder humanistische Erziehungsversuch. Supernannies wären ratlos, doch obwohl ich manchmal kurz davor bin, die Geduld zu verlieren, ist Marcelo mit seinem anarchistischen Verhalten vollkommen in mein Herz eingebrochen und hat sich dort breit gemacht, als wäre ich ein europäischer Tourist.
Und seit einem Abend unter dem Sternenhimmel des Atriums von Casa Jesus Menino, glaube ich, dass sich die Monate zusammen mit Marcelo ausgezahlt haben, dass er mich an mehr an ihm teilnehmen lässt, als die Tages- oder Wochentouristen.
Als ich an einem Abend für eine halbe Stunde alleine mit den Jungs aus Jesus Menino war, weil die Sozialmutter noch etwas erledigen musste, hing Marcelo mal wieder an mir. Die anderen schauten alle friedlich die Abendtelenovela("Indische Wege"). Es war eine sternklare Nacht und als wir in den Innenhof des Hauses traten, wurde Marcelo plötzlich still. Dort oben, so fing er an, sei sein Vater und schaue herunter. Ungefragt sagte er, dass sein Vater ermordet wurde. Er machte mit der Hand eine Pistole und richtete die Waffe auf mich: "Bam, Bam", ganz viel Blut sei aus der Brust herausgekommen und Marcelo habe geweint. "Bam, Bam" und jetzt ist er dort oben. Und wie ich hochschaute, um zu sehen, wo denn Marcelos Vater genau sei, merkte ich plötzlich, dass die Sterne nur Löcher im Himmel waren, durch die das Licht eines großen Festes ahnungsweise durchschien. Wäre mir das auch ohne Marcelo und seinen Vater aufgefallen?

Marcelo I (Es ist schwer, von ihm Fotos zu schiessen, weil er nie still hält)

Marcelo II

Marquinho, das Nesthäkchen aus Jesus Menino

Für bessere Fotos bitte Bastis Blog besuchen!

Mittwoch, 8. Juli 2009

Über Schiedsrichter, Gnome und Magier in spe

Liebe FanatikerInnen,
es begrüßt euch ein Carl, der endlich wieder im Arbeitsalltag eingetroffen ist.
Als ich wieder in Rio de Janeiro angekommen bin, fiel es mir zuerst noch ziemlich schwer, mich einzuleben. Etwas unmotiviert, noch einmal alle Kräfte für die nicht einmal zwei verbliebenen Monate zu sammeln und ganz neu anzufangen, mit Kopf und Herz ganz woanders, wie man es vielleicht im vorherigen Post lesen kann, ging die erste Woche in Rio an mir vorbei wie an einem Dienstag Morgen die krawattierten Männer im grauen Anzug auf dem Bahnhof an einem vorbeihetzen.
Doch die Zeit ist ein blinder Schiedsrichter. Jede Sekunde, die ich mich mit schmerzverzerrtem Gesicht im geistigen Strafraum rumwälze, ist, genauso wie jede andere Sekunde, vergangen. Weg. Und das Spiel geht weiter, ob ich nun mitmache oder nicht.
Zum Glück hat mir Renata, die Chefin von Tinguá, aufgeholfen, in dem sie mir anbot, aus der Pousada, wo ich früher gewohnt habe, nach Tinguá umzuziehen und in dieser sehr kurzen Zeitspanne, die ich noch in Brasilien bin, mich in den Häusern, Gärten und Büros von Tinguá nützlich zu machen, was zum Beispiel beinhaltet, Straßenmagieunterricht zu geben, Unkraut zu jäten und in der Buchhaltung zu arbeiten und, was sicher am gewöhnungsbedürftigsten ist, mit lauter lauten Brasilianern in einer Wohnung zu leben. Brasilianer, die sich zu praktisch jeder Uhrzeit vor dem laufenden Fernseher kloppen und von denen sich keiner für die Reinigung des Badezimmers verantwortlich fühlt. Diese Situation ist für mich vor allem auch deswegen neu, weil ich weder einen Antônio aus Santana im Zimmer habe, der zwar mit 14 Jahren weder lesen noch schreiben kann, dafür aber die Fähigkeit besitzt, wie ein unerwarteter Lottogewinn Freude in den Raum zu tragen, noch einen Basti, der, passend zu seiner neuen Passion „Marathon“ ständig wie ein Gnom rumspringt und mich auffordert, irgendetwas zu machen, die Decke falle ihm gleich auf den Kopf. Nein, ich habe mein eigenes Zimmer, das, nebenbei, ohne Antônio oder Basti heillos am Verdrecken ist.
Neben der etwas unspektakulären Arbeit im Büro und im Garten, habe ich jetzt ein kleines Projekt angefangen: Ich mache mit den 20 Jungs aus Casa André und Casa João Paulo einen Straßenmagiekurs. Seit ich diesen vor zwei Wochn angefangen habe, sind die Jungs in deren Freizeit ständig am Üben. Überall sieht man Karten und Münzen auf den Boden fallen, man hört Schimpfworte, wenn etwas nicht so gut funktioniert und wenn ein Trick gelungen ist und ich mich zufällig in der Nähe befinde, rennt der Zauberer zu meinem Leidwesen auf mich zu, um mich an seinem Erfolg teilhaben zu lassen.
Wo ich gerade übers Zaubern rede, muss ich noch erwähnen, dass sich das Dreamteam Basti und Carl zusammen mit Felipe, einem guten Freund von uns, ein verlängertes Wochenende Urlaub in Arraial do cabo gegönnt haben. Nun habe ich in meinen paar Monaten, die ich bereits hier bin, schon viele schöne Strände gesehen, Strände, die ich in meiner Verblendung auch „perfekt“ genannt habe, ein Missgeschick, dass mir nur deswegen unterlaufen ist, weil ich eben noch nicht in Arraial do cabo mit seinen weißen Stränden, seinem türkisfarbenen Meer und seinen im Winter praktisch leeren Stränden war. Man überzeuge sich selbst:
Im nächsten Eintrag habe ich vor, voraussichtlich auch mit ein paar Fotos, ein bißchen ins Detail zu gehen. Bis dahin hoffe ich, euch noch mit diesem etwas pragmatischen Tagesschaubeitrag hinhalten zu können.
Es grüßt euch ganz herzlich
euer Carl