Liebe Leute auf der Sonnenseite der Welt
Ich habe mir länger schon vorgenommen, einfach mal ohne Anlass oder Bezug auf große Ereignisse politisch zu werden, Grundprobleme des Brasiliens, das ich sehe, anzuschauen und zu teilen. Dass darunter die Liveberichterstattung leidet, auch weil es sich ohne Anlass nun mal nicht so einfach schreibt, hätte ich vorhersehen können, habe ich vielleicht auch vorhergesehen, es war mir aber egal. Ich darf so etwas. Ich wohne in der Pampa.
Immer wieder bin ich sehr berührt von dem, was ich sehe, weil ich, vielleicht wie ein Entdecker eines alten Pharaonengrab, nicht viel von dem Großen verstehe, das mir vor Augen kommt, und doch weiß und begreife, dass ich an der Schwelle zu einer neuen Welt stehe, deren Entdeckung eine gewisse Anstrengung erfordert, aber auch wert ist.
Um also dieses Große nicht mundgerecht abzupacken und praktisch unreflektiert und unverstanden im Koffer nach Deutschland mitzunehmen, habe ich mich bis jetzt immer mit Wertungen im Blog und in Gedanken zurückgehalten und versucht, mir alles mit einem großen Staunen anzuesehen.
Eine ganz wichtige Erfahrung, die ich hier mache, ist die Begegnung mit Armut. Davon möchte ich euch etwas erzählen, nicht, um eine Neugier in euch zu befriedigen, sondern, damit ihr mitleidet.
In Santana do Ipanema, der Kleinstadt, in der ich gerade bin, in der es weder Kino noch Disco, weder Schwimmbecken noch Mc Donald’s gibt, ist die Jugend, grob gesagt, in drei Schichten aufzuteilen: Da gibt es die Oberschicht, die es sich leisten kann, am Wochenende ins drei Stunden entfernte Maceió zu fahren, die Mittelschicht, die das Wochenende auf dem einzigen Platz in Santana verbringt und sich dort gemeinsam langweilt und die Unterschicht, die in der Periferia, also in den Häusern außerhalb wohnt, die es nicht mal auf diesen Platz schafft und am Wochenende, so wie eigentlich jeden Tag der Woche, gelangweilt vor ihren Häusern rumsitzt, Passanten anstarrt und sich, wenn sie der riesengroßen Versuchung nicht wiederstehen kann, mit allen möglichen Drogen versorgt.
Die Kinder gehen in die Schule, aber die meisten können selbst nach vier Jahren kaum ihren eigenen Namen schreiben und studieren können in Brasilien prinzipiell nur Kinder mit reichen Eltern von Privatschulen, aber daran denkt man sowieso nicht, wenn man schon Probleme hat, das Anmeldeformular der Uni zu lesen.
In der Langeweile und Hoffnungslosigkeit der Periferia ist die Armut schwer zu beschreiben für einen Europäer wie mich. Natürlich sieht man viel materielle Armut. Man könnte hier einen dieser Filme drehen, die uns in Deutschland zum Spenden bewegen: In den Eingängen zu den Hütten stehen Mütter mit mehr als acht ziemlich dünnen Kindern, alle mit leerem, fragendem Blick. Die Kinder spielen mit dem Abfall, der überall herum liegt, kleine Bäche, die sich durch die nicht asphaltierten Straßen gefressen haben, lassen am Rand einen bunten Müllwall, den erst der Regen wegwischt. Wie ein Scheibenwischer schiebt der Regen mal täglich, mal halbwöchentlich, die Papierchen, die zerrissenen Hosen und die vollen „Ouro Branco“-Plastiktüten hinter den verrosteten Stacheldrahtzaun in die Wiese. Dann spielen die Kinder mit dem Schlamm.
Doch wenn das alles wäre, wäre es ja nicht hoffnungslos, dann könnte man ja mit ein paar Spenden Essen, Spielzeug, eine asphaltierte Straße und einen anständigen Sozielpädagogen beschaffen. Dann wären die Mütter glücklich und unsere Gewissen rein.
Nein, das Erschütternde an der Periferia ist die geistige Armut.
Die, die dort geboren sind, sitzen Tag für Tag vor der Haustür und spielen nicht besonders kreative Spiele. Sie sitzen und kommen nicht einmal fünf Kilometer weit weg. Man sieht immer die gleichen Gesichter und die Kalendertage verstreichen. Tag für Tag. Jeweils einer. Nach einer bestimmten Anzahl von Tagen fängt das Trinken an, da ändern sich die Daten noch schneller und die Welt, die man in den Telenovelas sieht, scheint wie ein Traum, wie eine Vision und für die Bewohner der Periferia ist es das Ziel. Für mich die Banane, mit der ihnen ein Männchen auf dem Rücken vor dem Gesicht rumwedelt. Und weil die Leute sich nicht bewegen, wird das Männchen am Ende ihres Lebens absteigen und ihnen sagen: „Du hättest es schaffen können, wenn du es versucht hättest.“
In der Langeweile und Hoffnungslosigkeit passieren unvorstellbare Dinge. Die Spitze dieses Eisberges haben wir in Casa do Menor: Zwölfjährige Mädchen die sich schon prostituiert haben und Kinder im Grundschulalter, die sexuell missbraucht wurden. Wir versuchen, allen eine neue Vorstellung von menschlicher Liebe zu vermitteln, eine, die nicht nur an der Oberfläche und am Körperlichen bleibt. Wir bringen ihnen bei, dass sie wertvoll sind und sagen ihnen damit das Gegenteil dessen, was die Periferia ihnen ein Leben lang eingetrichtert hat.
In der Welt der Novela, in die ich zusammen mit Marisol, die ich ein Wochenende gesehen habe, reinschauen durfte, redet man anders über die andere Seite des Fernsehers. Da reden Eltern, die ihre Kinder auf Privatunis schicken, über Sozialschmarotzer und das staatliche Programm, das jedes Kind, das unter der Armutgrenze lebt mit einem Liter Milch pro Tag versorgt, ist die Hand in deren Tasche.
Ich schreibe das, damit ihr mitleidet.
Sonntag, 31. Mai 2009
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