Donnerstag, 22. Januar 2009

Neues aus Wunderland

Liebe Zauberlehrlinge und Erlkönige,
Man stelle sich vor, Alice wäre nun 4 Monate und 25 Tage im Wunderland, und müsste dann einen neuen Post für ihren Wunderlandblog schreiben. Alice weiß ganz genau, dass sie noch nicht fertig damit ist, ihre neue Heimat zu erforschen, sie ist sich im Klaren darüber, dass sie das Wunderland noch gar nicht kennt, aber weil der Effekt der Superlative langsam nachlässt - die neuen Erlebnisse und Erfahrung schaffen es nicht mehr, die alten zu übertreffen - läuft sie nur noch unbeeindruckt durch das Wunderland und entzaubert Wunderland durch ihre Unaufmerksamkeit.
Das ist eine Beleidigung, wenn nicht sogar ein Verbrechen gegen die Vorsehung, die sie, Alice, nun mal dazu ausersehen hat, eines der wirklich letzten Geheimnisse der Menschheit zu entdecken. Alice stumpft ab und gefällt sich darin und lässt deswegen den Wunderlandblog vor sich hin vegetieren.
Alice hat dafür zugegebenermaßen auch Gründe; Wunderland ist schwer zu beschreiben, ihre unvollkommene Fähigkeit, sich zu artikulieren, nimmt dem Leser die Möglichkeit, Wunderland in seiner Fülle zu verstehen. Und andere Entschuldigungen finden sich sowieso immer. Trotzdem merkt auch sie selbst, dass der eigentliche Grund in ihr selbst liegt, es ist ein verborgener Mann, der sie ständig auf ihren Bauchnabel schauen lässt. So sieht sie nur eben diesen Bauchnabel und ihren Bauch und ein Post über ihren Bauchnabel interessiert ja nun wirklich nicht.
Ein Neuanfang muss also her. Der Mann muss verurteilt und hingerichtet, oder wenigstens eingesperrt werden, und Carl muss wieder staunend den Mund aufmachen. Und weil bei einem inneren Neuanfang ein äußerer Neuanfang hilft, hat Carl sich jetzt versetzen lassen.
Carls neuer Arbeitsplatz heißt Tinguà und liegt sehr weit außerhalb. Casa do Menor in Tinguà besteht aus einem Haus für behinderte Kinder, Casa Jesus Menino, und zwei Häusern für die Jugendlichen, die neu sind und direkt von der Straße kommen. Diese Häuser heißen Casa André und Casa João Paolo.
Der Grund, warum die Neulinge zuerst in die Pampa geschickt werden, ist, dass sie, wenn sie von der Straße kommen, meistens noch Drogenprobleme haben und innerlich noch nicht bereit sind, Probleme anders als mit Gewalt zu lösen. Sie leben in Tinguà ein intensives Gebetsleben und haben weder die Möglichkeit, leicht an Drogen zu kommen, noch die Ablenkung, die sie in der Kleinstadt Miguel Couto hätten.
Alles in allem bedeutet das also, dass Carl eine intensivere Zeit bevorsteht, eine Zeit, die es ihm die Chance gibt, Augen und Mund aufzureißen und nie mehr zu schließen, die es ihm ermöglicht, unaussprechliche Geheimnisse und unfassbare Mysterien in sich auf zu nehmen, wenn er es nur will. Wenn er es nur will. Wenn er es nur kann. Wenn er es nur zulässt.

Liebe Leser,
ich entschuldige mich für meine im Dezember eingetretene Faulheit und Unregelmäßigkeit und versuche ab jetzt wieder mit Regelmäßigkeit so zu schreiben, als wäre ich gestern angekommen.
Ich möchte auch darauf aufmerksam machen, dass die Arbeit am Videoblog wieder aufgenommen wurde und auf Youtube
fortgesetzt wird.
Aus Brasilien grüßt euch aufs herzlichste
Der Carl
Tut nichts, was ich nicht auch täte!


Hier sind ein paar Eindrücke aus Tinguà, weitere Bilder folgen!

Samstag, 3. Januar 2009

Ich habe Stimmen gehört

Liebe Freunde,
im Nachhinein war es vielleicht wirklich besser so. Ich habe mich bei der Abfahrt dahin ja noch geärgert, dass der Basti sie mal wieder mitgenommen hatte und habe mich dann etwas widerwillig an meinem freien Tag, den ich hatte, weil ich an Sylvester arbeiteten sollte, in den mit französischen Touristen, italienischen Freiwilligen, Padre Renato und mir völlig überfüllten Van gesetzt. Eigentlich bin ich auch nur wegen Padre Renatos insistierender Art eingestiegen, ich hatte mich schon so sehr auf den freien Tag gefreut.
Angekommen. Die Bilder, die ich immer noch im Kopf habe, sind so scharf, wie sie eine Kamera nie hätte aufnehmen können. Hätte ich Bastis Kamera mitgenommen hätte ich wahrscheinlich die ganze Zeit damit verbracht, Fotos zu schießen von der Schlafstätte, von den Flaschen, die alle in der Hand hatten, von den abwesenden Gesichtern, vom Müll, von den angewiderten Blicken der Fahrer der passierenden Autos, von den Streitereien und alles wäre an mir vorbeigegangen. So aber habe ich alle Bilder tief gespeichert und werde sie wohl nie mehr vergessen.
Unser Auto ließ uns unter einer Brücke raus und uns kamen Kinder zwischen sieben und fünfzehn Jahren entgegen, alle mit leerem Blick und lallender Stimme. Ich dachte ja zuerst noch, dass die Kinder, die hier unter einer stinkenden Brücke in São Christovão, einem Stadtteil von Rio, leben, alle geistig behindert sind, bis mir die Flaschen in ihren Händen aufgefallen sind, die alle mit etwas Klebstoff gefüllt waren und an denen sie immer wieder mal einen Zug nahmen. Ein Junge mit halbgeöffneten Augen, der besonders stark torkelte war vielleicht sechs, maximal sieben Jahre alt. Die meisten Mädchen, teilweise mit beeindruckend hübschen Gesichtern waren sichtbar schwanger. Im Freien unter der Brücke lagen einige alte Matratzen und in der Mitte stand ein großer Eimer, gefüllt mit leicht gelblichem Wasser, das, wie mir erklärt wurde, als Trinkwasser benutzt wird. In einem der Brückenpfeiler war ein Hohlraum, mit eingehauenem Eingang. Diese Höhle wird vermutlich seit Jahren sowohl als illegaler Müllabladeplatz, als auch als Schlaf- und Miteinanderschlafplatz der Kinder genutzt. Dieser Raum stinkt so erbärmlich wie auf einer Kläranlage, überall liegt verfaulender Müll rum und man sieht, dass der Ort manchmal als Toilette benutzt wird. Die Pappe und das dreckige Zeitungspapier, das auf der einen Seite rumlag, ist der eigentliche Schlafplatz.
Der Anlass für unsere Visite war zuerst einmal die Tradition, Padre Renato besucht diese Kinder jedes Jahr zwischen Weihnachten und Neujahr, und zweitens die Taufe von zwei frisch geborenen Babys.
Dafür wurden zuerst die Kinder, es waren etwa 35, zusammengerufen, einige kamen sofort, andere kamen später, wieder andere gingen nach 2 Minuten wieder weg, ungefähr 15 aber blieben die ganze Zeit da und hörten merkbar aufmerksam Padre Renato zu, der die Weihnachtsgeschichte vorlas, machten immer wieder das Kreuzzeichen und viele hatten Tränen in den Augen. Für die Taufe benutzte Padre Renato dann das Trinkwasser.
Das Trinkwasser. Das Trinkwasser, so eklig, so stellvertretend für diesen Ort.
Dieser Ort. Unter der Brücke. Der Ort, wo die Stadtverwaltung hofft, dass nichts Großes kaputt geht, damit sie niemanden hinschicken muss, zu den Kindern.
Die Kinder. Die vorbeifahrenden Autos. Die Kinder, die ihr Leben nur betäubt wahrnehmen, die in der Mitte stehen bleiben, während alles weitergeht, während die Autos weiterfahren.
Betäubt. Taub. Blind. Schlafend. Und die Babys sind vom Taufwasser aufgeweckt worden.
"Ich habe Stimmen gehört
Ich hab ins Dunkel gesehen
Es konnte bestehen
Wie nichts auf der Welt(...)
Ich hab' ins Dunkel gesehen
Ich habe Wunden gesehen
Ich habe Stimmen gehört
Ich war wie verstört
Vom Anblick der Welt
Ich hab die Schwelle gekreuzt
In die Unendlichkeit
Der Weg war weit
Ich wollte ihn gehen
Ich habe Feuer gesehen"
(aus "Ich habe Stimmen gehört" von Tocotronic)
Entschuldigt meine Melancholie! Ein frohes neues Jahr wünscht euch
der Carl