Cicera, die die rechte Schlaufe der Plastiktüte hält, die wir gemeinsam von Metzgerstand zu Metzgerstand auf dem Fleischmarkt in Santana do Ipanema tragen, schaut schüchtern, ganz wie es ihre Art ist, in der Halle herum. Sie betrachtet die Fliegenheere, die sich auf den halben Tieren an den Fleischerhaken sammeln, wirft einen Blick auf die mit Blut und Fleischresten bespritzten schmutzig-weißen Plastikschürzen der meist schlecht rasierten und in Ausdruck und Haltung an steinzeitliche Jäger erinnernden Metzger, atmet die Luft ein, die von rohem Fleisch getränkt zu sein scheint, die nicht direkt Ekel erregt, aber unangenehm schmutzig und schwer in die Lunge geht und wie die Erinnerung, etwas zu hause vergessen zu haben, zum baldigen Verlass der Halle drängt. Anders als auf dem Kleider- und Gemüsemarkt draußen vor der Fleischmarkthalle, sind hier drinnen Kundschaft und Verkäufer fast ausschließlich männlich. Vielleicht hört man deswegen anstatt Gesprächen vor allem das Klirren der Wetzmesser und manchmal ein unangenehmes Surren, wenn die Schneidemaschinen größere Knochen zerlegen.
Der Metzger vor uns mustert Cicera und mich gelangweilt, greift gleichgültig in einen Haufen von Knochen und Knorpeln und wirft zwei oder drei kinderfaustgroße Stücke wortlos in unsere Tüte. Ich bedanke mich höflich, tue das auch, wenn der Mann vorher noch das kaum erwähnenswerte Stückchen Fleisch abgeschnitten hat, dann gehen wir zum nächsten Stand an der Ostseite. Merle, die mich in der letzten Woche besucht hat, und Vegetarierin ist, durchläuft gerade mit Antonio und Helen die Westseite.
Am Ende dieser samstäglichen Demutsübung haben wir nicht nur den wöchentlichen Bedarf an Suppenknochen gedeckt, sondern sind als Gemeinschaft näher zusammen gewachsen. Und das, obwohl wir alle so verschieden sind.
Da ist zum Beispiel Daiane, Exkind von Casa do Menor, 21 Jahre alt, waschechte Carioca(Einwohnerin Rio de Janeiros) die ohne ihre tägliche Dosis Telenovela und MSN-Chat mit ihrem vier Jahre jüngeren Freund unaushaltbar zynisch wird und den Kindern, die sie fragen, was sie mache, oder was sie in der Hand habe, antwortet, sie könnten es ja essen, um es zu erfahren.
Oder Veronica, mein italienisches Vorbild in Hingabe und Großdenken, die es in Gesprächen mit mir immer wieder schafft, mich des Kleindenkens zu überführen, nicht wegen ihrer Rethorik, sondern wegen der Einfachheit ihrer Ideen, die zwei mal pro Stunde laut aufstöhnt und „Oh, mein Gott, was für ein Stress“ ruft, auch wenn das Problem gar nicht so groß ist. Aber das darf sie auch, sie opfert sich wirklich auf für Casa do Menor.
Dann ist da noch Helen mit ihrem Sohn Emmanuel. Helen ist Inderin, und weil die momentane Primetime-Novela „indische Wege“ heißt und in einem Indien spielt, in dem alle Inder portugiesisch mit Carioca-Akzent sprechen, genießt sie zur Zeit besondere Aufmerksamkeit und wird von absolut jedem gefragt, ob Indien wirklich so sei, wie im Fernsehen. Helen benutzt Verben nur in der dritten Person Singular und hat mich damit immer wieder zum Lächeln gebracht. Sie eckt allerdings hier in Brasilien besonders an, weil sie so sarkastisch ist und ihre Witze nicht erklärt. Das kann hier schnell falsch verstanden werden. Sie hat aber schon gelernt, dass es ungefährlich ist, solche Witze, mit Europäern zu machen.
Und in der Mitte dieses mit den Kindern gemischten Haufens war ich, der kleine Deutsche, der staunend zuschauen durfte, die Armut zwei Monate lang anprobieren konnte, ehe er über den Umweg Rio ins reiche Deutschland zurückkehren würde, in dem er weder Fleisch erbetteln, noch sich bei Wasserausfall mit Eimer und Becher duschen müssen wird.
Ich benutze die Vergangenheitsform, weil ich gerade in dem Bus sitze, der sich in knapp 40 Stunden einen 2000 Kilometer langen Weg durch das unbewohnte, weite, sattgrüne Certão landeinwärts Brasiliens, durch den dichten atlantischen Regenwald, der die Hügel in Küstennähe besetzt hält, auf sich nach Süden hin stets verbessernden Straßen, bahnt. Zwei mal werde ich Sonnenauf- und Untergang sitzend, lesend, nachdenkend und schreibend mitbekommen, bis ich in Rio wieder mein altes Zimmer mit dem bekannten, undefinierbaren Geruch neben Basti beziehe und alles wieder normal weitergeht. So schön es ist, wieder „nach hause“ in die Pousada zu kommen, so sehr fällt es mir jetzt schwer, Abschied zu nehmen, vor allem, weil ich gerne geblieben wäre.
Tia Ana, ich , Merle und José auf der Fazenda da Esperança
Um diese Schwierigkeiten auszudrücken, habe ich ein Gedicht geschrieben, das ich hier, vor allem im Bewusstsein meiner armseligen lyrischen Begabung, online stellen möchte.
Abschied
Die Felder haben das Gelübde gebrochen,
das sie dem nüchternen Braun des trockenen Bodens gegeben haben.
Die Felder sind den geflüsterten Verlockungen des Regens erlegen
und wiegen sich nun im unendlichen Grün
satt und träge
bin ich ohne deine staubige Ruhe,
die angespannt den Kopf nach mir umdrehte
bevor deine leeren Hände
rauh die Augenlider mir hoben
und das Herz
einer wartenden Stadt,
deren Früchte bitter
und deren Farben blass sind
schlägt ohne mich
weiter
gehen taub die Zeiger,
die deine Frucht nicht probiert haben
und ziehen mich unbarmherzig mit sich
in den Regen.