Montag, 10. August 2009

Bühne Favela

Der Vorhang fällt. Ein Kapitel meines Lebens geht in meinem eigenen Applaus unter. Oft habe ich mich zu Geduld aufgerafft, indem ich mir sagte, dass die verbliebene Zeit, die mal schlagartig, mal schleichend, kürzer wurde, einmal vorbeigehen würde. Abzusehen war es, trotzdem habe ich es damals noch nicht geglaubt.
Und jetzt geben mir die Form und das Herz den leisen Hinweis, dass die Zeit dafür reif sei, die Grabrede dieses Kapitels, den Epilog eines Traumes zu formulieren. Ein letztes Mal betritt Carl die Bühne, die er in gewissen Sinne selber war, holt Luft, um zu einem Publikum, in dem sowohl der sitzt, der er jetzt ist, als auch der, der er in zehn, zwanzig, vierzig Jahren sein wird, über die soeben vergangene Premiere zu sprechen, deren Wiederholung nicht vorgesehen ist, über die Protagonisten, zu denen auch er gehörte.
Und nun, plötzlich, kurz bevor er aufsteht, merkt er, dass es nötig geworden ist, seinen Entwurf für diesen letzten Beitrag, den er schon im ersten Monat seines Aufenthalts in Basilien szizziert hatte, zu verwerfen.
Schon vor knapp elf Monaten hatte Carl, beflügelt von den ersten Eindrücken, in Gedanken eine Abschiedsrede formuliert, die das umfasst hätte, was er sicher war, erleben zu werden. Doch nun sieht Carl sein Herz nach einem Jahr auf der Bühne Favela mit vielen Erfahrungen gefüllt, die nicht abzusehen waren und die er eventuell auch gar nicht wollte. Der Carl, der jetzt fast das Pult erreicht hat, wurde geleert und neu aufgefüllt, er wurde geformt und einige seiner neuen Verziehrungen erscheinen ihm selbst noch befremdlich.
In Carls Ohr klingt „Gute Nacht“ aus Schuberts „Winterreise“, als wollte der Autor dieses Kapitels mit der Zeile „Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh’ ich wieder aus“ dem Ende noch einen melancholischen Beigeschmack geben. Und es stimmt, ich habe das Brasilien hinter den Kameras kennen gelernt, das ich vorher nicht kannte, das mir fremd war und so radikal vielen Selbstverständlichkeiten meiner Heimat widersprach und es stimmt auch, dass ich, wie ich es mir selbst sage, aus Ehrfurcht vor diesem Neuen, nicht einfach Brasilianer wurde. Hätte ich mich einfach nur integriert und mir eingeredet, dass mir alles schon längst bekannt sei, hätte ich die wichtigsten Erfahrungen nie gemacht. Ich habe nämlich entdeckt, dass Brasilien an sich nicht existiert.
Ich habe ein großes Kunstwerk kennen gelernt. Jede Begegnung, jedes Bild, jedes Geräusch, jedes Ereignis, jeder Charakter, jede Beziehung, jede Bewegung, jede Berührung und jedes Gefühl bezeugte mir die Genialität des Autors dieser Welt, die Brasilien genannt wird. Vor der Kulisse einer Natur, die stets bereit war, neue, umwerfende Fassaden aufzuziehen, um das Schauspiel zu bereichern, blieben selbst, oder besser gerade die scheinbar unwichtigsten Details nicht ohne eine tiefe Botschaft. Wie in einem wichtigen literarischen Werk, dessen kunstvoller Reichtum nie bezweifelt wird, liefen Fäden zusammen, teilten sich, schienen sich zu verlaufen und wurden später wieder aufgenommen. Alles schien unwirklich. Die Intention des Autors, etwas Bestimmtes auszudrücken, war stets offensichtlich und die Liebe mit der mich dieser intensive Traum umarmte und führte, ließ mich meinen Mund vor Staunen nicht mehr zumachen.
Schnell musste ich erkennen, dass ich nicht hier war, um zu lehren, sondern um zu lernen. Zu Lernen von dem Zauber, der mich in dieser Schule des neuen Sehens umgab, in der ich, für mich sehr schmerzhaft, eingestehen musste, dass ich bis dahin gewöhnt war, einen sehr pragmatischen Blick auf mein Umfeld zu werfen.
Nun wache ich langsam von diesem Taum auf und bin noch etwas benommen. Ich reibe mir die Augen und sehe das letztes verschwimmende Bild, den Autor, der mich wissend über die Brille hinweg mit einem Lächeln anschaut und glaube, zu verstehen, was er meint: Jetzt bist du eingeweiht, Carl, pflege das Grab dieses Traumes und vergiss ihn nicht!
Leb also wohl, Marcelo, viele europäische Feiwillige haben schon versucht, dich zu zähmen und zu ändern. Und ich bin nur einer von vielen, die deine Provokationen nicht ertrugen und im Glauben an unsere Sendung als Weltenretter gegen die Mauern deiner anarchistischen Natur anrannten. Mit all unseren Vorstellungen, mit unserem Unverständnis dir gegenüber und unserem Bulldozertum hast du uns ins Leere laufen lassen und deine Narrenfreiheit ganz ausgelebt. Überwältigt hast du uns mit Waffen, die wir noch nie zuvor gespürt hatten und die meisten von uns haben sich mit einem Achselzucken von dir abgewandt und an anderen ihre pragmatischen Projekte realisiert.
Leb wohl, Marcelo, in den paar Monaten meines Lebens, die ich glaubte, gütig heldenhaft für dich aufzuopfern, bist du für mich zum Lehrmeister geworden. Du hast mich an die Hand genommen und mit jeder Lektion gewartet, bis ich vollkommen aufmerksam war. Sicher war ich ein schwieriger Schüler, für viele der Geheimnisse, in die du mich hättest einführen können, war ich noch nicht bereit und sie bleiben in dir verborgen, bis ein anderer sich vor deinen Toren geschlagen gibt und sie im Gefängnis deiner Arme entdeckt. Und doch bin ich durch deine andauernde Pantomime auf deiner Bühne, die mit knapp zweihundert Hektar sehr viel kleiner ist als meine, in Geheimnisse eingedrungen, die mir den Atem verschlugen und die Augen aufrissen. Neben dir habe ich mich klein gefühlt, wusste nicht mehr, wer wem die Hand gegeben hatte. Deine Hand war das Geländer, das in den Nebel führt. An deiner Hand habe ich eine neue Welt betreten. Oder habe ich einfach die alte Welt neu kennen gelernt? Was hast du mir da gezeigt, Marcelo?
Wer bist du, Marcelo? Bist du ein Traumprinz, der Vewalter eines Kunstwerks, der mich, einen abenteuerlustigen Sohn meiner von sich selbst überzeugten Kultur, innerlich erschüttern wollte? Ist deine Gestalt Verkleidung, deine Gestik die eines hervorragenden Schauspielers? Du gehst verschwenderisch mit deiner Weisheit um, sie nur den wenigen Menschen, die dich hin und wieder nichts ahnend besuchen, anzuvertrauen.
Leb wohl, Marcelo, unsere Wege werden sich wohl erst im Himmel wieder kreuzen. Und dort, ich bin mir sicher, wirst du mehr von deinen zwei Quadratkilomtern vorfinden, als ich von der Vielzahl gesehener doch nie erreichten Horizonten.

„Jetzt schauen wir in einen Spiegel
und sehen nur rätselhafte Umrisse,
dann aber schauen wir
von Angesicht zu Angesicht.
Jetzt erkenne ich unvollkommen,
dann aber werde ich durch und durch
erkennen,
so wie ich auch durch und durch
erkannt worden bin.“
1 Korinther 13,12