Freitag, 19. Dezember 2008

So gönne er ihnen doch ihre Ferien!

Liebe Regierenden und Regierten,

kennen Sie das Gefühl der Vorfreude auf die Sommerferien, der Unbeschwertheit nach der letzten Arbeit im Schuljahr? Diesen Hauch von Anarchie, der dann in der Luft liegt und danach verlangt, in den nächsten Wochen zu hause ausgelebt zu werden?

Diesen wichtigen Teil der Kindheit bekommen nun auch die Kinder aus meinem Haus Herbalife teilweise zum ersten Mal zu spüren. In Brasilien sind die Sommerferien nämlich im Sommer, was ja auch seine Logik hat, und dieser Sommer ist jetzt. Das kann man zwar streng genommen nicht am Wetter fest machen, Basti und ich haben uns bei einer Temperatursenkung von 37°C am einen auf 22°C am nächsten Tag leicht erkältet, aber es handelt es sich dabei um eine unumstößliche geographische Wahrheit, Brasilien liegt nämlich in der Südhalbkugel. In den sonst eigentlich ganz süßen Kinderköpfen vermehren sich zu dieser Zeit die Flausen, wie Moskitos in unserem Bad. Man hört an einem normalen Tag in Casa Herbalife mal Kinder, mal Sozialmütter schreien, es wird geweint, geflucht, ins Zimmer geschickt und hin und wieder einmal gegessen. Meine Pause, die ich immer nach dem Mittagessen hatte, kann ich jetzt vergessen, genauso wie die Idee, dass ich irgendwann zum Haare häkeln kommen würde. Immer will irgendein Kind spielen oder aufs Klo gehen und wenn ich abends nach hause komme, bin ich erst mal ziemlich geplättet.

Seitdem ich vor fast 4 Monaten gekommen bin, hat sich das Haus Herbalife von 9 auf 13 Kinder vergrößert. Der frischeste Neuzugang hat den spektakulärsten Start hingelegt. Zuerst erzählte er allen, er heiße Tiago, erst nach einiger Zeit hat sich herausgestellt, dass er eigentlich Alexandre heißt. Dieser sechsjährige Alex verfolgt die Strategie, am Anfang besonders viel Blödsinn zu machen, um die anderen Kinder zu beeindrucken. Das resultierte darin, dass er von den fünf Tagen, die er schon da ist, dreieinhalb in seinem Zimmer verbringen musste und das nicht wegen der Strenge der brasilianischen Erziehung: Er ist so frech zu den Mães sociais, dass ich manchmal fast laut lachen muss, schlägt andere Kinder, wirft Spielzeugautos nach den Babys und haut mir zwischen die Beine.

Von unseren 4 Babys ist eines ein Schreikind, das bedeutet, dass es nur dann aufhört, zu weinen, wenn man es auf dem Arm trägt oder wenn es schläft. Ein anderes, die Nathalie, ist mit 8 Monaten das älteste Baby und setzt ihre theoretische Kenntnis über das Schlagen anderer Babys sehr dominant in die Praxis um. Deswegen ist unser Haus fast nie ohne Babygeschrei.

Bei dem Kindergartenfest von der Bruna ist extra der österreichische Pfarrer der Pfarrei, Pater Rafael, gekommen. Nachdem er zwei Stunden gewartet hatte, bis er endlich dran war, erzählte er den Kindern drei Minuten lang etwas über Weihnachten, was sie sich wahrscheinlich nicht gemerkt haben, weil Sie sich schon auf Papãe Noël, also den Weihnachtsmann, freuten. Dieser kam dann auch direkt nach dem Pater und machte die Kinder glücklich. Es war aber wichtig, dass der Pater auch da ist, denn an Weihnachten feiern wir ja unter anderem auch Jesu Geburt und als gute Christen vergessen wir das auch nicht.

Ich wünsche euch allen gesegnete Weihnachten, genießt die Kälte, denkt an mich und tut nichts, was ich nicht auch täte!

Euer Carl

Carl beim Arbeiten