Sonntag, 22. Februar 2009

Halbzeitwerbung



Liebe Winterschläfer,

Halbzeit! Jetzt so um den Dreh müsste es sein, dass ich die erste Hälfte meines Brasilienmarathons hinter mir habe.

Einige von euch kennen das sicher, man wacht nachts aus, schaut auf den Wecker, rechnet aus, wie viele Stunden Schlaf man noch vor sich hat, ist enttäuscht darüber, dass diese Nummer so klein ist und schläft traurig wieder ein. Das gleiche mit dem Laufen. Während des Laufens kann man immer mit der Formel gesamte Strecke(in km):gelaufene Strecke(in km)-1 nachrechnen, wie oft man die schon zurückgelegte Strecke noch laufen muss. Das hat beim Laufen den gleichen deprimierenden Effekt, nur dass man sich darüber ärgert, dass die Strecke noch so lang ist. Bei mir kommt, wie bei wahrscheinlich allen, die gerade als Freiwillige im Ausland arbeiten, beides zusammen, man könnte sagen, dass ich gerade schlafend Laufen gehe. Oder dass ich gerade geträumt habe, dass ich am Laufen bin.

Laufen könnte ich aber wirklich einmal gebrauchen, ich habe bereits 8 Kilo zugelegt und die Personen, die ich im August kennen gelernt habe, die dann weg gegangen sind und jetzt wieder auftauchen, begrüßen mich schon mit: „Mann, hast du zugenommen!“. Das liegt alles an der brasilianischen Küche und an Bastis und meiner hirnrissigen Tradition, die sich Ende Dezember etabliert hat, sich jeden Tag eine große Popcorn mit einem Drittel Päckchen Leite condensado(330kcal/100g) reinzupfeifen. Wir machen das vor allem, weil wir dort immer die besten Gespräche haben.

Ich bin gestern durch eine dreiunddreißigstündige Busfahrt von meinen Ferien in Salvador, etwa 1500 km von Rio entfernt, zurückgekommen. Dort war ich zuerst beim Fid-seminar, wo etwa 30 andere deutsche Freiwillige hingekommen sind, sich ausgeheult, getröstet und ermutigt und dabei viele Stunden Schlaf auf den Kopf gehauen haben. Das Seminarhaus war direkt am Strand, so dass einige von uns dreimal unter sternklarem Nachthimmel übernachtet haben, all inclusive sozusagen, mit Lagerfeuer und Gitarre.

Weil sieben Freiwilligen, inklusive Basti und mir, das nicht genug war, haben wir noch 5 Tage Urlaub drangehängt und haben uns ein Haus auf der fast einsamen Insel Boipeba vor Salvador gemietet. Ich möchte euch nur eins sagen: Reisekatalogstrände gibt es wirklich, ich habe sie gesehen. Auf dieser Insel hatten wir dann so wenig zu tun, dass wir auch mal über die wirklich unwichtigen Dinge des Lebens sprechen konnten. Wir stritten uns einmal, ob wir beim Anlegen auf Boipeba mit der rechten oder mit der linken Seite, also mit Back- oder Steuerbord, angelegt hatten. Basti war der einzige, der die Meinung vertrat, dass es die linke Seite war und erklärte das so: „Wenn wir nicht mit der linken Seite angelegt hätten, wären wir jetzt nicht hier.“ Diese Logik ist in ihrer Einfachheit natürlich bestechend, denn wir waren ja nun mal dort. Das konnte keiner leugnen, wir merkten mit Körper und Seele, dass wir dort waren, wo wir zu diesem Zeitpunkt waren und so behielt Basti mit seiner Physikerlogik mal wieder Recht.

Nächste Woche schreibe ich euch wieder von meinem spannenden Alltag, aus dem ich jetzt gerade verständlicherweise etwas raus bin.

Nur zwei große Änderungen gab es, die wirklich nennenswert sind: Die Antonia, eine Freiwillige, die bis jetzt bei Casa do Menor im Nordosten Brasiliens gearbeitet hat, ist jetzt hierher versetzt worden. Wir sind nun also drei Deutsche hier, ein Umstand, auf den ich mich schon sehr freue.

Auch sind zwei neue Italiener, die längere Zeit bleiben, gekommen, das aber lasse ich lieber unkommentiert.

Tut nichts, was ich nicht auch täte!

Euer Carl