Liebe Leute,
Nach auf den Tag genau 5 Monaten harter Arbeit war es mir endlich vergoennt, Ferien zu machen und Brasilien ein bisschen naeher kennen zu lernen.
Deshalb habe ich mich am 29. Januar in ein Flugzeug gesetzt und bin mit Felipe, einem Seminaristen aus Miguel Couto, nach Brasília, die Hauptstadt Brasiliens geflogen. Wir wollten auf ein Treffen der “renovação carismática católica” (charismatische Erneuerung der katholischen Kirche) gehen. Das bedeutete zuerst, dass wir 5 Stunden am Flughafen in Brasilia mit anderen Teilnehmern warten mussten. Die haben sich alle fuerchterlich darueber aufgeregt und mir schien, dass ich der einzige war, der schon Erfahrung mit brasilianischer Organisation gemacht hat. Als wir dann endlich in einem alten, klapprigen Bus sassen, um zum Ort der Veranstaltung zu fahren, war die Stimmung aber wieder ganz gut, das musste sie auch sein, weil der Bus so voll war, wie eine U-Bahn beim Weltjugendtag, nur, dass Brasília noch mal um einiges heisser ist.
Ueber den Kongress selber gibt es nicht viel zu erzaehlen, so etwas wie charismatische Brasilianer sind in Deutschland schwer zu finden, die schreien und tanzen viel, wenn sie in der Kirche sind(was fuer einen nichtcharismatischen Deutschen absolut unaushaltbar waere) und ausserhalb der Kirche sind sie auch sehr aufgedreht, auf jeden Fall jedoch immer freundlich. Sie glauben mir, wenn ich sage, ich haette meine Haare ein Jahr nicht mehr gewaschen und nicken mitleidend, wenn ich ihnen ueber Deutschland erzaehle.
Nachdem der Kongress vorbei ist, habe ich mir gedacht, waere es gut, sich noch mal drei Tage Zeit zu nehmen, um Brasiliens Hauptstadt zu bestaunen, und habe mich deshalb in der einfachsten Pousada (die aber auch wirklich einfach ist) eingemietet.
Das ist prinzipiell eine nicht ungeniale Idee, waere da nicht mein rechter grosser Zeh. Noch in Miguel Couto habe ich mir Denselbigen beim Fussballspielen so angestossen, dass der Negel ein bisschen gerissen ist. Auf dem Kongress fing der Zeh dann an, weh zu tun, was ich aber mit viel heiligem Geist und dem guten Essen vergessen konnte. Ich hatte aber schon dort Schwierigkeiten zu laufen. Am ersten Tag habe ich mich dann in Brasilia schmerzhaft rumgeschlepptwas zur Konsequenz hatte, dass ich, als ich am Abend die Schuhe auszog, einen eitrigen Fuss hatte und mich entschloss, am naechsten Tag in ein hospital de base zu gehen.
Nun muss man wissen, dass es in Brasilien fuer die reichen Leute, die es sich leisten koennen, Privatkrankenhaeuser gibt, fuer alle anderen diese „hospitais de base“. Da kann jeder kostenlos hin und sich behandeln lassen, auch ich als Fremder. Es wird jeder gleich behandelt und jeder muss gleich lang warten
Das Krankenhaus war hilflos ueberfuellt, ich habe 7 Stunden gewartet, um am Ende mit einem Rezept fuer Antibiotika herauszukommen. Was ich drinnen gesehen habe, hat mich sehr mitgenommen. Gar nicht, weil die Umstaende dort schlecht waeren - es ist so, dass es fuer jede Abteilung einen einzigen grossen Saal gibt, in dem alle Patienten auf alten Betten liegen - sondern einfach, weil ich gesehen habe, wie viel Leid an einem einzigen Ort ist. Da waren Verwandte von Patienten da, die die ganze Zeit geweint haben, viele haben gebetet. Auch habe ich ein Motoradunfallsopfer gesehen, das am ganzen Koerper blutete hat und dessen Bein sichtbar gebrochen war. Etwas bedrueckt habe ich dann spaeter die Sehenswuerdigkeiten angeschaut, in denen es schien, als liefen die Touristenmassen hindurch, ohne sich alles wirklich anzuschauen, Fotos schiessend, um spaeter von ihrer Erfahrung vom Laufband erzaehlen zu koennen.
Fuer mich geht es jetzt weiter nach Salvador zum ultimativen fid-Seminar.
Ich wuensche euch alles Gute, denkt an mich!
Carl