Freitag, 10. Oktober 2008

Sex mit Sieben

...Leuten
Liebe Kenner der gepflegten Rockmusik, liebe Gäste,
dass Deutsche prinzipiell gut organisierte, ordentliche, etwas gefühlskalte Büromenschen sind, vor deren inneren Energie das Chaos zurueckweicht, trifft auf mich nur bedingt zu. Das glauben mir hier leider nur die wenigsten, nämlich die, die mein Zimmer bereits gesehen haben. Die Konsequenzen sind fatal: Ich wohne alleine in der Jugendherberge, die für 30 Personen gedacht ist und ernähre mich hauptsächlich von Süssigkeiten, Chips und Obst, das mir die Herbergsmutter Eunice, die gerade Ferien hat, jede Woche vorbeibringt. Ich wünschte ja, sie würde es nicht tun, weil sie jedes mal, wenn sie kommt, eine sehr vorwurfsvolle Miene aufsetzt und sagt, ich solle aufräumen und das obwohl ich mich hier so wohl fühle. Aber nicht nur da, wo ich wohne wird von mir erwartet, dass ich von grundauf aufräume, auch beim Essenslager, dem Almoxarifado habe ich das Gefühl, dass ich da als deutscher Freiwilliger nicht ohne Grund rein gesteckt wurde... Das Ding will organisiert werden, so wie die Löwengrube von Daniel! Also, um meine Formulierung klar zu machen: Mein Chef hat mir gesagt, ich solle mir ausdenken, wie ich den „Saustall“ organisieren will, so mit einem Computerpogramm oder so, das sei ganz mir überlassen.
Wie sollte ich auf so etwas reagieren? Pädagogisch wertvoll wäre vielleicht, meinem Chef durch Inaktivität zu zeigen, dass ich für diese Arbeit nicht geeignet bin und ein Konzept entwickeln, sein Denksystem von Vorurteilen zu reinigen. Weil ich aber keine pädagogische Ausbildung genossen habe und mich auch nicht so sehr fuer Erwachsenenbildung interessiere, habe ich mich dazu entschieden, mich selber zu ändern und ab morgen ordentlich zu sein. Das hört sich einschneidend an, ich spüre davon aber noch nichts. Auf jeden Fall habe ich jetzt in vielen Überstunden mit Microsoft Access, wovon ich hier in Brasilien zum ersten Mal gehört habe, ein komplexes Programm entwickelt, auf das ich sehr stolz bin.
Um das zu feiern bin ich dann am Freitag(Freitag auf Portugiesisch: Sexta-feira, abgekürzt durch Sex, was auch den Titel erklaert, oder was habt ihr erwartet?) mit 7 Leuten in Miguel Couto essen gegangen. Das war nicht besonders spannend, es hat sich nach dem Essen einer nach dem anderen verabschiedet, bis nur noch ich, Uilquer, der als Eunice-Ersatz in die Pousada gezogen ist, aber immer erst um 10 nach hause kommt und seine Freundin Veronika übrig waren. Während die sich an meiner Gegenwart nicht störten und kräftig rumknutschten, konnte ich dann die Wahlergebnisse im Fernsehen beobachten und es hatte tatsächlich Carlinhos Presidente, der mit dem coolsten Lied gewonnen. Den hätte ich übrigens auch gewählt.
Wo wir gerade von Liedern sprechen, ich habe hier in Brasilien den besten Musikvirtuosen der Welt gefunden, er heisst Altamiro Fernando und spielt Gitarre, Bass, Klavier, ziemlich alle Blasinstrumente, Percussion und das spezielle Capoeirainstrument so gut, dass man annehmen muss, er habe seine ganzen 7 Leben nichts anderes zu tun gehabt, als diese Instrumente zu üben. Und dieser Musikus lässt sich herab, mit mir Musik zu machen und hat mich sehr fest in die Arbeit an der nächsten MusikCD von Casa do Menor eingebunden, dazu erzähle ich zu gegebenem Zeitpunkt mehr, ich bin mir über die aktuelle Rechtslage zu solchen Fragen nicht absolut sicher.
Obwohl es etwas anstrengend ist, hier alleine zu leben, ich bin zum Beispiel noch nie aus Nova Iguaçu, das einige brasilienerfahrene Italiener die „häßlichste Stadt Brasiliens“ nennen, rausgekommen, geht es mir hier sehr gut und wir wissen ja alle: Was einen nicht umbringt, macht einen härter.
In dem Sinne grüßt euch alle euer Carl aus Brasilien.